Hans-Jörg Clement

 

„Bei mir endet die Suche nach Klarheit in der Ambivalenz“

Ein Gespräch mit Miwa Ogasawara

 

Hans-Jörg Clement - Was antwortest Du, wenn man Dich fragt, woher Du kommst?

Miwa Ogasawara - Meine Kindheit habe ich in den 70er und 60er Jahren außerhalb von Kyoto im Kokuzodani, praktisch mitten in der unberührten Natur verbracht, fast jenseits von aller städtischer Tradition und ihren Sitten. Meine drei Geschwister und ich sind Kinder eines Freiheitskämpfers und einer für die Emanzipation engagierten Frau. Meine Eltern haben schon sehr früh die radikal und dogmatisch wirtschaftsorientierte, autoritäre Nachkriegsgesellschaft, die das Individuum vernichtete und jede Entfaltung unterdrückte, hartnäckig infrage gestellt. Sie waren mutig und haben ein pädagogisches Institut gegründet, um die frühzeitige Entwicklung einer selbstbestimmten, tatsächlich individuellen Persönlichkeit zu fördern. Dieser kämpferische Geist der beiden hat mich schon als Kind stark beeindruckt und nachhaltig geprägt. Ich glaube, dass ich diesen Geist als meine Herkunft bezeichnen würde. Mit l5 Jahren entschied ich mich, Japan zu verlassen, um noch mehr und auch anderes kennen zu lernen.

 

Clement - Was antwortest Du, wenn man Dich fragt, wohin Du gehörst?

Mein Vater meint, er sei „chikyu-jin“. „chikyu“ meint den Planeten Erde und „jin“ den Menschen. Er denkt dabei an eine Art Weltbürger in einer positiv zu verstehenden, die verschiedenen Kulturen und Traditionen verbindenden Globalisierung.

Zu dieser Welt eines „chikyu-jin“ gehöre ich.

 

Clement - Welche Rolle spielen Literatur und Musik in Deinem Leben? Wenn man sagt, dass Deine Arbeiten eine poetische Qualität haben oder gar eine klangliche – kannst Du mit dieser Einschätzung etwas anfangen?

Kunst ohne Literatur und Musik ist undenkbar. Was ich in meiner bildnerischen Arbeit darstelle, halten die anderen in anderen Medien fest. Manchmal begegne ich einer mir sehr nahen, vertrauten Auffassung in der Literatur und der Musik und auch in der darstellenden Kunst - und das macht mich glücklich, so als ob ich eine alte Freundin getroffen hätte. Musik ist mir sehr wichtig: Swing, Blues, Jazz, Rock, Punk, Funk, Bossa Nova, Pop. Musik ist immer die Stimme der Zeit. Meine tägliche Arbeit, das Alleinsein im Atelier - meist von nachmittags bis spät nachts - kann ich mir ohne Musik nicht vorstellen. Der Schriftsteller Haruki Murakami lässt in einem seiner Romane fast durchgehend die Musik spielen. Auch ein spannendes Thema: Das Motiv der Musik in der Literatur. Murakamis Bücher habe ich in meiner Teenagerzeit verschlungen. Er kann die ambivalente, moderne japanische Gesellschaft mit ihren isolierten und vereinsamten Menschen beschreiben und reflektieren wie kein anderer. Seine Romane fesseln mich in ihrer Eigenwilligkeit und ihrer melancholischen Stimmung. Es ist einfach ein großartiges, rätselhaftes Faszinosum, was aus der Vorstellungskraft eines Menschen, in geschriebener, gesprochener oder gesungener, klanglicher Form entstehen und was sie bewirken kann. Ich habe in Hamburg eine Tanz-Inszenierung von Steve Reich gesehen: Ritualisierte Bewegungen visualisiert in unermüdlich wiederholten tänzerischen Bewegungen. Unglaublich! Geballte Intensivität! Auch Hofesh Shechter wandelt die Idee von Ritualen menschlichen Daseins in Tanz um. Jedes Medium hat seine eigene Qualität, bricht starre Sichtweisen und eröffnet neue Perspektiven und Einsichten.

 

Clement - Diese anderen Medien beeinflussen Deine Arbeit unmittelbar...

... ja. Wenn ich ein tolles Buch lese, ein Theaterstück oder einen Film anschaue, bleiben bei mir weniger konkrete Wörter oder Szenen im Kopf als vielmehr eine bestimmte Atmosphäre oder Emotionen. Meine Arbeiten kann sich ihnen dann nicht mehr entziehen. Diesen Einfluss möchte ich nicht missen. Vielleicht ist irgendwann meine Malerei die Assoziation von Wörtern zu oder entwickelt eine klangliche Dimension.

 

Clement - Das permanente Weitertreiben Deiner Malerei scheint Dir sehr wichtig.

Meine Bilder sind nur einzelne Segmente eines Ganzen. Wenn ich mich in Sprache ausdrücken könnte, würde ich nie eine abgeschlossene Geschichte schreiben können, sondern viele kurze oder lange Gedichte, bestenfalls Haikus.

 

Clement - Wie entstehen Deine Arbeiten? Fühlst Du Dich von Themen und ihrer Umsetzung gedrängt, oder manifestiert sich das Thema erst im Malprozess?

Meine Bilder entstehen ganz unmittelbar in der Wahrnehmung dieser immer komplizierter und unbegreiflicher werdenden Welt; mit allen Problemen und Freuden, die uns Menschen bewegen. Diese Ansprache durch die Welt findet kein Ende.

 

Clement - Gibt es für Dich Phasen, in denen sich das Bild oder seine Figuren verselbstständigen, oder bleibst Du in jedem Moment Herrin des Verfahrens?

Es gibt Skizzen, die von sich aus entstehen, doch für meine Bilder habe ich ziemlich konkrete Vorstellungen im Kopf. Beim malerischen Verfahren liegt alles in meiner Hand. Es ist meine alleinige Welt. Ich beginne in aller Subjektivität, um dann zu einer quasi objektiven Ausführung zu finden.

 

Clement - Wann ist diese „objektive Ausführung“ beendet? Wann lässt Du das Bild los? Kannst Du formulieren, woran Du erkennst, dass das Bild fertig ist?

(Lacht): Wenn meine Galeristin ins Atelier kommt und ihre Augen anfangen zu funkeln ... Bevor das Bild perfekt wird, höre ich auf. Die perfekte Welt ist unreal und künstlich. Die Wirklichkeit ist nie fertig, nie komplett, nie perfekt.

 

Clement – Gehen Dir selbst Deine eigenen Arbeiten – gerade in dieser von Dir beschriebenen Offenheit - nach?

Meine Malerei ist nicht konzeptuell. Jedes Bild steht für sich und treibt mein Werk voran. Daher bleibt zwischen meinen Arbeiten und mir immer eine gewisse Verbundenheit, mal mehr, mal weniger. Manchmal taucht die schon gemalte Vorstellung wieder auf. Dann entwickle ich sie weiter oder bringe sie in andere Zusammenhänge. So entstehen auch die Sequenzen oder Serien der Zimmer und Räume: immer wieder variierende Kosmen.

 

Clement- Gibt es für Dich eine kontemplative Funktion des Malens?

Ich betreibe keinen meditativen Selbstheilungsprozess. Aber wenn Du dabei meine Malerei meinst, die absolute Stille erzeugt, und die meist allein in Szene gesetzten Figuren ... ja, es gibt ein in sich kehrendes und in sich selbst hineinhörendes Moment. Vor allem die Wirkung der Malerei ist ganz bestimmt eine in diesem Sinne kontemplative.

 

Clement - Es gibt eine sehr einflussreiche Ästhetik des Philosophen und Schriftstellers Tanizaki Jun'ichiro, die den Titel „Lob des Schattens“ trägt. Der Essey begründet die Bedeutung des Zusammenspiels von Licht und Schatten - vielmehr als die des tatsächlichen Objekts oder der Figur. Findest Du Dich in einer solchen Betrachtung wieder?

Im Zusammenspiel der Zementarchitektur des Architekten Kijo Rokkakus und den Skulpturen des Bildhauers Susumu Shingus, der durch seiner riesigen bunten Windskulpturen bekannt ist, bin ich aufgewachsen. Das ist eigentlich wirklich das Gegenteil der Philosophie Tanizakis. In meiner Kindzeit war der amerikanische Lifestyle schick und modern, schon viel extremer als Tanizaki befürchtet hatte. Ich betrachte daher die japanische Kultur und Tanizakis Philosophie erst jetzt mit meinen 30 Jahren bewusst und erkenne ihre Relevanz für mich. Seine Wahrnehmung des Zusammenspiels von Licht und Schatten verstehe ich als „Ma“, als Weltraum, Weite, Spanne, Raum, Platz, Abstand, Zwischenraum, Leerstelle -wichtige Elemente der japanischen Kultur. Seine Betrachtung scheint mir heute aktueller denn je; nicht nur für mich, sondern auch für die jetzige Gesellschaft, die jüngere Generation, die bis vor Kurzem die eigene kulturelle Identität zu vergessen schien. Gerade habe ich mir die alte und neue Architektur in Japan angeschaut und war begeistert. Vor allem von den neuen Museumsbauten; Yoshio Taniguchi oder Tadao Ando! Sie gehen so selbstbewusst mit der traditionellen Ästhetik und Philosophie - auch der von Tanizaki - um. Ich finde gerade jetzt das Zusammenführen der Vergangenheit und der Gegenwart zu etwas Neuem, etwas anderem sehr wichtig. Meine Betrachtung von Licht und Schatten hat damit zu tun.

 

Clement - Der Schatten markiert immer auch ein Zwischenreich, ein ambivalentes Stadium. Die Ambivalenz ist ein wesentliches Merkmal Deiner Arbeiten. Nicht umsonst scheint es in vielen Deiner Bilder um Weggabelungen, Entscheidungen, um Transformationsprozesse zu gehen...

... da fällt mir gleich wieder Murakami ein. Sein Roman Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt hatte ich in Japan vor etwa 20 Jahren gelesen und nun habe ihn gerade noch einmal auf Deutsch gelesen. „Hard-boiled Wonderland“ als eine reale Welt und, „Das Ende der Welt“ als eine zeitlose schattenlose Welt.

 

Clement - In dem Gedicht ,Sprich auch Du“ schreibt Paul Celan:

,,Sprich -

Doch scheide das Nein nicht uom Ja.

Gib Deinem Spruch auch den Sinn:

Gib ihrn den Schatten“

Wahr spricht, wer Schatten spricht, heißt es bei ihm weiter. Alle konkreten Bezüge lösen sich in Deinen Arbeiten in Widersprüche auf, die paradoxerweise sehr klar und präzise sind und über das Motiv hinaus wachsen. Ist das Ding der Welt der Wirklichkeit, der scheinbaren Eindeutigkeit zugehörig und der Schatten der Welt der Wahrheit?

Der Kern liegt widersprüchlicher weise im Vagen. Wenn bei Murakami jemand in der zeitlosen Welt ankommt, muss er sich von seinem Schatten trennen. Wenn der Schatten stirbt, wird der Mensch seelenlos. Auf der Verschiebung zwischen Wahrheit und Wirklichkeit basiert tatsächlich meine Arbeit und sie ist immer von den in der Sache begründeten Widersprüchen geprägt. Ja, ohne Schatten ist der Mensch seelenlos. Bei mir endet die Suche nach der Klarheit immer in der diffusen Zone, in der Ambivalenz.

 

Clement - Wie schafft man es, in diesem Diskurs - denn den trägst Du ja in Deinen Arbeiten aus - gänzlich unpathetisch zu bleiben und fern jeder Gefühligkeit?

Ja, das ist mir wichtig: Gefühligkeit darf es in der Kunst nicht geben. Und ich gehöre auch nicht zu denen, die einen theoretischen Diskurs auf Metaebene führen. Was meine Eltern und ihre Generation erlebt und aufgebaut haben, definiert meinen Ausgangspunkt. Sie haben vieles befreit und bewirkt, aber in der Praxis einiges noch nicht lösen können. Es ist aber nicht mein persönliches Schicksal, was ich thematisiere, sondern ich gehe auf existenzielle, grundsätzliche Fragen ein. Wenn man berücksichtigt, was wir besprochen haben, könnte man sagen: Was bei mir von der Zeit geblieben ist, ist der Schatten. Pathos und Gefühligkeit haben da keinen Platz.

 

Clement - Bei Tanizaki spielen natürlich die Umbruchsituationen in den 30er Jahren eine Rolle, die bereits den deutlichen Einfluss der westlichen Welt auf die (fern-)östliche Tradition ankündigte. Ist dieser Kampf der Kulturen für Dich jemals ein Thema gewesen?

Weil ich in verschiedenen Ländern wie Japan, U.S.A. und Deutschland aufgewachsen bin, ist das Thema in meinem Leben immer gegenwärtig. Das Zusammenspiel der Kulturen ist Alltag, besonderes seit es das Internet gibt; in der Kunst ohnehin. Die japanische Tradition der Malerei ist nicht mit der europäischen zu vergleichen. Berührungen aber gab es immer, gerade am Ende des 19. Jahrhunderts. Gaughin, Van Gogh, Monet, Bonnard waren vom japanischen Farbholzschnitt stark beeindruckt. Sie haben in die französische Malerei die japanische Fläche, Farbe und Komposition einwirken lassen. Diese Malerei - all das Großartige, was man in den Museen in Paris sieht - hat mich geprägt. In Japan ist die Malerei seit Anfang des 20. Jahrhunderts strikt in zwei Richtungen getrennt. „Nihon-ga“(Japanese-Style Painting) und „Yoh-ga“(Western-Style Painting). Der Kampf der Kulturen hat sich, wie Tanizaki damals ahnte, stark entwickelt und die moderne japanische Kunst sogar gespalten. Wenn ich in Japan geblieben wäre, könnte ich nicht so unbeschwert verschiedene Einflüsse zusammen fuhren. Hier in Hamburg kann ich, ohne von diesem Thema dominiert zu werden, meinen eigenen Weg gehen. Mir gefällt dieser enorme Reichtum an Einflüssen und die verwegenen Mischungen - in der Kunst, der Architektur, der Literatur, dem Essen oder der Mode.

 

Clement – Ästhetik und Proportion - was fällt Dir zu diesen Begriffen ein?

Die Schönheit der Natur. Architektur, Film und immer wieder die Kunst! Wie zum Beispiel, Vilhelm Hammershoi, Caspar David Friedrich, Edward Hopper, Gerhard Richter, Hiroshi Sugimoto, Peter Doig, Marlene Dumas oder beim Film, David Lynch, Hitchcock, Antonioni, Stanley Kubrik und Wong Kar-Wai - überhaupt meine ganze Arbeit und Denken haben mit Ästhetik und Proportion zu tun. Sie sind ein Thema meines malerischen Vokabulars.

 

Clement - Tanizahi sagt: Der Künstler rechtfertigt seine Existenz erst, wenn er seine Fantasie in Wahrheit transformieren kann. Wie definierst Du heute die Rolle des Künstlers und damit Deine Profession?

Kunst reflektiert Welt. Meine Malerei verschlingt die reale Welt und spuckt ihre eigene Wirklichkeit aus. Das ist die Wahrheit, die nur durch Fantasie kreiert werden kann. Ich nehme das, was ich sehe und lasse entstehen, was durch mich und mit mir wird. Das ist meine Arbeit.

 

Hamburg, 2008


Piece of reality

The world as an indeterminable, uncertain reality. Take a group of people in a forest, in a public place or in the park; a girl on a footbridge; a deserted, desolatelandscape. When I put them into a painting, I merely hint at time, place, action - thus allowing viewers to look more closely and seek their own personal level of reality. Free from subjective concerns and stripped of colour. In my paintings, emotions, ordinary contradictions and human frailties are transformed into gentle, quiet, soft, resonances. The human condition I depict comes from mypersonal observations rather than what is fed to us by the media.

 

Resonance

The resonances appear as a blur which abstract themselves from time and can even span past and future within itself : an extended moment, a present lost in reverie. The source of the resonance is unclear to allow a dreamlike, displaced reality. A sound - quiet but present. What is seen becomes blurred again, rendering the images peculiarly indefinite.

 

Reducing

I came to the conclusion that colour imparts a powerfully shifting impact on a painting – it can radically change the effect and meaning – and this disturbed me. When we see people, we automatically start to interpret. If I depict people in colour, it is immediately much more of a statement and quickly creates the impression of being overloaded. That is why I have been stripping colour further and further back, or rather, fading it out. 

 

Subtle combined differences 

Small canvases are more open whilst portraying blurring, intimations, faintness. With big paintings, it is different. Large surfaces require a self-contained world be depicted. It is a challenge to bring drawing and painting together – to get the balance right between the two techniques. During this unending process of working with reduction, nothing is to be focused and no moment robbed of its continuity. So, looking again and again, you will find – or think you find - images you might not have seen at first glance. I invite my viewers not to trust their eyes too quickly.  Take time to see clearly; give space to each look at a painting for a second or third reading of a scene. Behind frivolity lies earnestness, behind lightness there is seriousness. Nothing is static, stable, nothing stays as it seems to be.

 

Parallelity

What I show in different formats in painting is always a part of the many levels of reality. These levels need each other; idyll and danger, good and evil - their existence is intertwined. Something is amiss if one side is too strong or if one interpretation predominates. So my aim is to captur parallelity of life through in-betweens. 

 

Miwa Ogasawara